Überraschend viel Wasser in der Wüste

23. Dezember

Im August 2024 fiel enorm viel Regen im Tibesti. Das konnte dann so aussehen wie im Video.

Bardai wurde mehrere Male überflutet, auch “unser” ganzes Haus wurde ziemlich weggespült.

Die Flut ging mitten durch Bardai
Blick in Richtung “unseres” Hauses
Lokale Mitarbeiter sandten unserem Teamleiter einen Augenschein von seinem Haus. Die rote Tür hat lange Widerstand geleistet, bis sie einfach durchgebogen wurde.

…und trocknen lassen
Der Pumpbrunnen vor unserem Haus war vorher gut einen Meter weiter über dem Sand

Im April 25 besuchten wir die Oase für einige Wochen. Es gibt immer noch aufzuräumen. Aber die Umgebung von Bardai ist so wunderschön, wie wir sie noch nie gesehen haben. Schaut selbst!

Überraschende Realität

22. Dezember

Das ist die Realität vor Ort. Was fällt euch auf?

Vielleicht das spärlich eingerichtete, unbeheizte Schulzimmer, die grossen Klassen, die altmodische Wandtafel?

Überraschend ist, was Tschadern auffällt, wenn sie dieses Video sehen. Oft wird gesagt:

“Was? Diese Kinder haben ja gar keine Angst! Diese Kinder melden sich ja! Die machen ja voll mit! Das ist ja gar keine richtige Schule.”

Wir denken, was hier geschieht ist ebenfalls EMPOWERMENT. Die Kinder werden zur Mitarbeit ermächtigt, sie können Fragen formulieren und bekommen Antworten und Erklärungen; sie können selbstbewusst sagen, was sie wissen. Sie sind aktiv, weil sie Selbstwirksamkeit erleben.  

Hat das vielleicht das Potential, eine Oase, eine Gesellschaft zu verändern?

Überraschend viel Interesse

21. Dezember

Zwei Teilnehmer zeigen, was sie gelernt haben: Begrüssung und sich vorstellen auf Dazaga

Damit hatten wir nicht gerechnet: Dass wir einmal Tubus ihre Sprache unterrichten. Nun gut, zum Glück für alle Lernwilligen, sind es auch nicht wir selbst, die in diesen Kursen unterrichten. Wäre doch schade wenn sie unser unbeholfenes Dazaga mit Thurgauer Akzent lernen. Doch seit das Zentrum Palmeraie in N’Djamena besteht, ist das der gefragteste Kurs: “Dazaga oral”. Dazaga sprechen lernen. Ein Muttersprachler unterrichtet diesen Kurs, es kommen immer eine Handvoll Leute und noch bevor ein Kurs fertig ist, sammeln sich wieder Interessenten auf der Warteliste für den nächsten. Es ist unglaublich. Und jedes Mal wenn wir einen neuen Kurs auf Facebook und TikTok posten, fragen Tubus aus dem Tschad und der ganzen Welt in den Kommentaren nach einem Kurs über Distanz, einem Online-Kurs.

Werbevideo auf Social Media

Wir konzentrieren uns eigentlich auf die geschriebene Sprache, darauf den Tubus ihr Alphabet näherzubringen, die Sprache zu wertschätzen und nutzen. Wir machen Bücher, Videos und Apps. Ganz selbstverständlich gedacht für die, die ihre Sprache sprechen. Doch da sind offensichtlich in N’Djamena, anderen Städten und im Ausland viele Tubus, die ihre Muttersprache eben nicht mehr mitbekommen haben. Weil die Eltern fanden, dass diese ja altmodisch und nutzlos ist. Braucht man nicht in der Stadt, nur noch in den rückständigen Provinzen. Wir haben schon oft beobachtet, wie viele mit ihren Kindern Arabisch oder Französisch sprechen. “Damit etwas aus ihren Kindern wird.” (Womit sie sagen: “Mit der Tubu-Sprache wird man nichts.”) Genau so, im Kontakt mit dominierenden Sprachen, gehen Sprachen langsam verloren. Das ist ein globales Phänomen. Nennt sich Sprachtod.

Doch bei den Tubus scheint sich ein Gegentrend zu entwickeln. Tubus wollen ihre Sprache zurück. Bevor es zu spät ist. Das nennt sich Sprachrevitalisierung. Wiederbelebung. Revival. Das ist selten. Und gut. Denn wenn eine Sprache erst einmal tot ist, gelingt das Wiederbeleben in den seltensten Fällen. Ein paar Beispiele: Walisisch, Kornisch und Manx (Isle of Man) in Grossbritannien sowie Iwrit. Iwrit ist die bisher einzige gelungene Wiederbelebung einer “toten” Sprache. Hebräisch, das nur als Liturgiesprache existierte, wurde wiederbelebt und ist heute die Amtssprache in Israel.

Die Sprache der Tubus lebt. Und da sind viele, die sich nicht damit abzufinden wollen, dass halt ihre Eltern ihnen die Muttersprache nicht weitergegeben haben. Sie wollen diese wieder lernen. Dieses Bedürfnis wollen wir ernst nehmen. Ideen für einen Onlinekurs sind in Entwicklung.

  1. (Sasse, Hans-Jürgen 1990: Theory of language death und Language decay and contact-induced change) ↩︎

Überraschend schön: Gouro von oben

20. Dezember

Die holländischen Kameraleute haben beim Drehen für die Serie nebenbei noch einen einen schönen Film von Gouro gemacht. Danke!

Unterlegt ist das Video mit einem Lied über Gouro von Salah Brahim Koko, gesungen von Zenaba Mahamat Tcheny, einer der Lehrerinnen aus Gouro.

Concours toubou 2025: Überraschend international

19. Dezember

Ein bisschen ernüchtern war es, dass am ersten Wochenende nur gerade drei Teilnehmende pro Sprache für die Kategorie “Literaturwettbewerb” aufkreuzten. “Sollten wir es nicht öffnen für die, die nicht vor Ort teilnehmen können?” überlegte Anja. Sofort kam uns ein Dutzend Leute in den Sinn, die das Alphabet beherrschen, aber halt irgendwo auf den Goldfeldern im Tibesti, in Libyen, Niger oder Europa sind. Also los! Werbefilm machen! Wir sind ja jetzt auch auf TikTok 😅

Innert wenigen Tagen haben sich über 40 Personen angemeldet. Meine ohnehin ungesunde WhatsApp-Nutzung geriet ganz aus dem Ruder. 40 Hausaufgaben erhalten, ausdrucken, von meinem Kollegen korrigieren lassen und mit Sprachnachricht-Kommentar zurückschicken. Fragen zur Aufgabenstellung des Literaturwettbewerbs beantworten, Entwürfe korrigieren, letzte Tipps geben … und den Überblick behalten, ob und wer was rechtzeitig eingereicht hat.

Khaled aus Libyen präsentiert die Karte der Teilnehmer bei der Abschlusszeremonie

Trotz rauchendem Kopf: Die Geschichten, die wir erleben konnten, waren es mehr als wert:

  • Da ist ein Freund in Irland, der sich mit ärztlichem Zeugnis (!) krankheitshalber von der Teilnahme abmeldete, uns aber 200€ Beitrag ans Preisgeld schickte.
  • Da ist der wohl politisch einflussreichste Tubu aus Libyen, der extra für die Abschlusszeremonie aus Tripoli anreiste. Zuletzt war er 2011 in N’Djamena. Damals kam er, um das Tudaga-Alphabet zu lernen. Seine Ansprache an der Zeremonie machte grossen Eindruck: “Wir in Libyen haben erreicht, dass Tudaga heute in den Tubu-Gebieten ein Pflichtschulfach ist.” Das gab Applaus!
  • Und da ist der Gewinner des ersten Preises: Zu unserer Freude 1⃣ wählte die Jury aus all den anonymisierten Texten den des Gründers des Tubu-Kulturzentrums in Murzuk, Libyen aus. Doch noch grösser war unsere Freude 2⃣, als er in der WhatsApp-Gruppe verkündete, dass er sein Preisgeld unserem Mitarbeiter, dem Tudaga-Lehrer und Buchautor Abdolsalam hier in N’Djamena schenken möchte, für seinen jahrelangen Einsatz. 
WhatsApp-Live-Schaltung zum Gewinner nach Libyen

“Das muss feierlich übergeben werden” sagte der Tubu-Co-Teamleiter Ôyi, “es soll Abdolsalam so richtig ermutigen und anspornen!” Vor laufender Kamera übergaben wir ihm also den Umschlag.

Die Kommentare zum Video waren noch ein Freude 3⃣ obendrauf: Osman, selbst Teilnehmer und unser engster Tubu-Freund in Libyen, gratulierte zuerst Abdolsalam, doch dann ging er dazu über, Ôyi zu loben: “Er bleibt im Hintergrund, aber ich weiss, dass er grossartige Arbeit leistet!” Ôyi wollte Abdolsalam ehren, doch nun wurde er selbst geehrt. 

Kurz: Der “Concours toubou international” hat viele Kreise geschlossen: Vom Kulturzentrum Palmeraie in N’Djamena über Mosko Hanadii-ĩ in Bardai zum Merkez Al-Salaam in Libyen; vom Teilnehmer aus Niger, der dann im Mai noch ankam um sein Preisgeld persönlich abzuholen, bis nach Europa, von wo Teilnehmende unserer “Tubu-Konferenz” in Frankreich mitschrieben oder Spenden schickten. Überraschend international!

Nicht mehr überrascht

18. Dezember

Prekär ist wohl das Wort, das vieles im Tschad treffend beschreibt. Von der Infrastruktur über das Gesundheits- und Bildungssystem bis zur Lebenswelt der Mehrheit der Bevölkerung. Vieles davon überrascht uns mittlerweile nicht mehr. Aber immer noch mehr als genug für einen Tschadventskalender-Eintrag.

Sieht mitgenommen aus.
Immer eine Verkehrsmittelgrösse kleiner unterwegs: Was in der Schweiz in ein Auto gehört, geht auf den Töff; was in einen Lieferwagen gehört, geht auch mit dem Auto… (Seht ihr die Hand des Chauffeurs?)

Wenn dich dieses Auto abschleppen muss…

Um nicht den ganzen Tag an der Hitze zu stehen beim Früchte verkaufen: Do it yourself Unterstand. Do you understand?
Ein Brunnen in Bardai. Einer der drei Schläuche hat die Pumpe für das Zentrum dran, und die mussten wir ersetzen. Von den beiden Generatoren geht nur ein halber.
Schafmarkt am Tag des Opferfests (Aid al-Adha)